29.05.-28.07.2010 Wiesbaden
Roger Ballen: Boarding House
Im Brotberuf hat der Geologe Ballen ganz Afrika bereist und dem Gestein des Kontinents allerlei Proben entnommen. Über sein Werk sagt er: “Meine Fotografien sind Reportagen über ein bestimmtes Lebensgefühl.” Tatsächlich wohnt der an Arbus und Witkin geschulte Ballen in Parktown, einem Vorort von Johannesburg – Heimat des, wie er sagt, “White Trash”. In der bizarren Fremde des Unterbewußten findet sein Werk indes eine bleibende Heimat.
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Das Werk von Roger Ballen gleicht dem Aufwachen aus einem bösen Traum. Doch das erlösende Aufwachen liegt nur einen Albtraum weiter. Von der Physis her erinnert der Fotograf an eine Figur aus dem absurden Theater von Beckett: hager, von hochgeschossener Statur, schwarze Hose, weißer Strickpullover mit grobem Zopfmuster, dessen aggressiver Glanz einen hohen Anteil an Kunstfasern preisgibt. Seine Erscheinung entspricht so gar nicht dem Klischee jener Fotografen, die zwischen New York, Miami, Basel und Schanghai Furore machen – und dennoch hat Roger Ballen zahlreiche Preise gewonnen: der schmucklose Habitus dessen, der sich kafkaesk feingemacht hat – mit jener undefinierbaren Mischung aus Korrektheit und Resignation. Ballen ist ein Meister der Inszenierung. Daß er diese Kunst bis zur letzten Konsequenz auch für seine eigene Person geltend macht, darf man getrost glauben. Wild rollt Roger Ballen mit den Augen, so daß man für kurze Zeit das Weiße darin sieht. Er richtet seinen Blick auf sein Gegenüber aus – und schweigt.
Das Warten auf eine Antwort von ihm gleicht dem Warten auf Godot. “Sie haben recht!”, sagt er nach einem endlosen Augenblick mit leiser Stimme. “Nichts ist zufällig an dem, was ich mache. Jedes Bild ist durchdacht bis ins Detail – und jedes noch so kleine Element ist wichtig.”
Nach ‘Outland’ und ‘Shadow Chamber’ legt Roger Ballen mit ‘Boarding House’erneut eine monolithische Bildserie vor. Dieses Konvolut mit 67 Schwarzweiß-Aufnahmen gibt einen verstörenden Einblick in die psychologischen Studien des Fotografen. Boarding House steht für einen Ort des Kommens und Gehens – ein surreales Set. Ballen: “Es ist schwer diesen Ort genau zu definieren, denn ich glaube, daß er so oder so ähnlich in jedem von uns steckt.”
Geboren 1950 in New York, die Mutter arbeitete damals im Büro der legendären Agentur Magnum, lebt Roger Ballen seit fast 30 Jahren in Johannesburg, Südafrika. “Als Weißer war ich, wie meine Kollegen im Institut, lange Nutznießer der Apartheid. Obwohl ich hier einer Minderheit angehöre und quasi Ausländer bin. Allein, weil ich weiß war. Das System hat mich begünstigt. Seit der Auflösung der Apartheid studiere ich, wie sich die politische Wandlung auf mich und die Leute in meiner Umgebung auswirkt. Viele Aufnahmen sind entstanden bei den Angestellten des Institutes, in dem ich arbeite. Ich fülle einen Sack mit meinen Requisiten, klingele einfach spontan an ihrer Wohnungstür und frage, ob ich bei Ihnen im Wohnzimmer fotografieren darf?”
Roger Ballen zelebriert mit einer gewissen Hingabe den wortscheuen Gestus des Sprachweifel hegenden Augentäters. Eher ungern redet daher der Fotograf über sein Werk:
“Ich dringe in Zonen des Alltags der weißen Unterschicht vor, deren aktuelle Lage sich besser in Grauwerten beschreiben läßt.”
Text: Klaus Kleinschmidt
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Roger Ballen:Boarding House
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