Talents 14 Oskar Schmidt

Foto: Oskar Schmidt, WiedergängerinnenC/O Talents 14 . Wiedergängerinnen
Fotografien von Oskar Schmidt

Kahle, spärlich eingerichtete Räume und in sich gekehrte, kaum anwesende Frauen und Mädchen – die stark reduzierten Fotografien von Oskar Schmidt sind Porträts und Interieurs zugleich.

Zwar erscheinen die Personen und Räume bekannt und vertraut, dennoch bleiben sie rätselhaft und unzugänglich. Denn nicht die individuellen Merkmale dieser Orte und Figuren stehen im Fokus der Bilder, sondern viel allgemeiner ihre Formen und Haltungen.

Die porträtierten Frauen und Mädchen sind Wiedergängerinnen – ein aus der Kunstgeschichte entlehntes Personal, das in einem anderen Medium, in der Fotografie neu belebt wird. So behandelt die strenge Reduktion der Bildserie das in den Fotografien Sichtbare als eine Sammlung vertrauter Zeichen, die jedoch aus dem Kontext herausgerissen nicht ohne weiteres lesbar sind.

Oskar Schmidt verfolgt in seinen fotografischen Tafelbildern, die mit einer analogen Großformatkamera entstehen, ein malerisches Prinzip und entfaltet hierbei ein raffiniertes Netz von Anspielungen: Zitiert werden unter anderem Figuren von Manet, Seurat und Balthus. Und ganz wie die klassischen Maler bestellt auch Schmidt seine Modelle zu immer neue Sitzungen in sein Atelier, um einen ganz bestimmten Ausdruck perfektionieren zu können. Kein Faltenwurf an einem Kleid, kein Winkel und kein Abstand, mit dem ein Stuhl ins Bild gerückt wird, keine Farbtemperatur und kein Lichteinfall wird hier dem Zufall überlassen. Doch gerade diese intensive Suche nach dem perfekten Ausdruck macht zugleich die Grenzen des Fotografischen sichtbar, denn eine direkte Re-Inszenierung von Gemälden in der Fotografie ist unmöglich. Die Fotografie sieht härter und klarer, in der Malerei lassen sich Ungenauigkeiten leichter vertuschen. Fotografie und Malerei haben ihre jeweils eigenen formalen Gesetzmäßigkeiten. Je näher man dem Gemälde fotografisch kommen will, umso deutlicher wird, dass man sich auf diese Weise ganz sicher von dem Gemälde entfernen wird, ja sogar muss.

Oskar Schmidt, geboren 1977 in Erlabrunn, studierte von 1998 bis 2002
Malerei und Grafik an der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design in Halle. Das darauf folgende Studium der Fotografie bei Professor Timm Rautert an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig schloss er 2006 mit Diplom ab und war von 2006–2008 Meisterschüler bei Timm Rautert. Seit 2001 hat Schmidt seine Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem in Leipzig, Berlin, Barcelona, London, München, Hamburg, Peking und Zürich gezeigt. Er wurde 2002 mit dem Kunstförderpreis der Stadtwerke Halle/Leipzig ausgezeichnet. Schmidt lebt und arbeitet in Leipzig.

Steffen Siegel, geboren 1976 in Freiberg, hat an den Universitäten
Konstanz und Lyon Kunst- und Medienwissenschaft, Literatur und Philosophie studiert. An der Humboldt-Universität zu Berlin wurde er mit der Arbeit “Tabula. Figuren der Ordnung um 1600″ promoviert, die 2009 im Akademie-Verlag Berlin erschienen ist. Seit 2005 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er ist Mitherausgeber der Bänder “Jenseits des Poststrukturalismus? Eine Sondierung” (2005), “Verwandte Bilder. Die Fragen der Bildwissenschaft” (2007), “Visuelle Modelle” (2008), “Maßlose Bilder. Visuelle Ästhetik der Transgression” (2009). Im Katalog zur Ausstellung setzt er sich mit den Fotografien von Oskar Schmidt kritisch auseinander.
Der Katalog Talents 14 . Wiedergängerinnen . Oskar Schmidt /Steffen Siegel erscheint im Deutschen Kunstverlag.

Seit 2006 präsentiert der C/O’s e.V. angehende Fotografen wie auch Kunstkritiker, die sich an der Schwelle zwischen Ausbildung und Beruf befinden. Talents führt die Nachwuchsförderung von Bild und Text in einem Programm zusammen. Damit ist Talents in Europa einzigartig und konkurrenzlos. In repräsentativen Arbeitsserien zeigen die Künstler ihre Sicht auf den Menschen als physisches Individuum ebenso wie als sozial-gesellschaftliches Wesen. Fotografien des Menschen und sein Porträt standen immer im Fokus des Mediums, vor allem da hier gesellschaftlich relevante und künstlerisch ästhetische Themenbereiche kulminieren.

Begleitet wird jede Einzelausstellung von einer Publikation, in der Bild und Text einen Dialog eingehen: Die Talente präsentieren sich und ihre
Projekte einem breiten Publikum, stellen ihre Arbeiten zur Diskussion und schaffen sich so ein öffentliches Forum. Für die sechs- bis zehnwöchigen Ausstellungsetappen steht ein 120qm großer Raum in den Räumlichkeiten von C/O Berlin im ehemaligen kaiserlichen Postfuhramt in Berlin-Mitte zur Verfügung: Ein Experimentierraum für junge internationale Gegenwartsfotografie und Kunstkritik.

14.03.-02.06.2009 Berlin C/O
Talents 14 . Wiedergängerinnen

Fotografien von Oskar Schmidt
Ausstellungsbegleitung von Steffen Siegel
Eröffnung am 13.03.2009 um 19 Uhr

C/O Berlin
Postfuhramt
Oranienburger Str / Tucholskystr
10117 Berlin
http://www.co-berlin.com

Foto: Oskar Schmidt, Wiedergängerinnen

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