Gold für Martin Liebscher beim Fotobuchpreis 2010
Beim diesjährigen Deutschen Fotobuchpreis 2010 wurde das Künstlerbuch von Martin Liebscher mit Gold ausgezeichnet. Das aufwendig gestaltete und großformatige Buch erscheint in einer limitierten Auflage von 666 Exemplaren. Subskriptionspreis bis 31.12.2009 248,00 Euro, danach 298,00 Euro. Zu diesem Buch gibt es eine Collector’s Edition mit einer Originalarbeit des Künstlers.
>>> im Buch blättern bei Amazon.de
:::
Gold beim Deutscher Fotobuchpreis 2010
Begründung der Jury
“Einer für Alle” von Martin Liebscher, mit Texten von Jan Peter Bremer und René Pollesch, Gestaltung Fine German Contemporary, Carsten Wolff und Thomas Rott, erschienen bei HatjeCantzSie kennen Liebscher nicht? Das ist der Mann, der sich selbst auf eine Weise genügt, die radikaler nicht sein könnte. Denn eigentlich kommt in Liebschers Welt niemand vor als er selber. Konsequenterweise hieß ein früheres Buch, “Liebschers Welt”. Nun aber dieser Schock: das aktuelle Werk trägt den geradezu krankhaft bescheidenen Titel “Einer für alle”. Gibt er auf? Verabschiedet Liebscher das Programm der Liebscherschen Omnipäsenz?
Er hat also auch mit diesem aktuellen Buch sein Thema beibehalten – sich selbst. Der besondere Charme dieser aktuellen Publikation liegt im Format. “Liebschers Welt” war noch putzig klein, eine Seite nicht mal DIN-A-4. “Einer für alle” ist so groß, dass es nicht nur beim Reproduzieren im Fotostudio eng wurde. Gemessen an den Ausstellungsprints, die Liebscher in Umlauf bringt, ist aber selbst dieses Buch nur eine bessere Briefmarke – die Künstlerprints für die Wand sind bis zu viereinhalb Meter breit.
Da kann man also gespannt sein, welche Dimensionen das Ego von Martin Liebscher als nächstes anstrebt, denkbar wäre ja zum Beispiel, dass sein Abbild die Freiheitsstatue ersetzt, oder dass er sein Profil in Backstein von ein paar Millionen chinesischer Arbeiter in der Wüste Gobi anfertigen lässt – vom Mond aus sollte es mindestens erkennbar sein.”
http://www.deutscher-fotobuchpreis.de
Einer für Alle
Hrsg. Andreas Bee, Text von Jan Peter Bremer, Martin Liebscher
Hatje Cantz Verlag, November 2009
Deutsch, Englisch, 84 Seiten, 131 farbige Abb.
43,00 x 60,00 cm, Leinen
ISBN 978-3-7757-2251-3
>>> im Buch blättern bei Amazon.de
>>> im Buch blättern beim Hatjecantz-Verlag
>>> Leseprobe aus ‘Einer für Alle’
Martin Liebscher
http://www.martinliebscher.com
http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Liebscher
Archiv: Begegnungsstätte (1997)
Martin Liebscher: Gruppenfoto – Fotoinstallation
Ulla Schmitz über das längste Gruppenfoto der Welt
Ausstellungsbesprechung in digit! 3-1997
Unter dem sensationsheischenden Titel “Rekordversuch – Das längste Gruppenfoto der Welt” präsentiert der Städel-Absolvent Martin Liebscher, Jahrgang 1964, zur Zeit sein jüngstes Werk, eine 30 Meter lange hintersinnige Fotomontage. Als Möbiusschleife in der Tat unendlich lang, reihen sich auf dem Bild pseudorealistische Szenen nahtlos zu einem irritierenden Panorama, schlagen Innen- und Außenräume ineinander um, dicht bevölkert mit Hunderten von menschlichen Gestalten – allesamt Liebscher-Klone. Was in diesen naturalistischen Raumgebilden auf den ersten Blick etwa als typische Frankfurter-Zeil-Szene mit Bankern, Pennern und eiligen Passanten anmutet, entpuppt sich als die perfekte Täuschung, immer ist es der Künstler selbst, der in alle Rollen und Kostüme schlüpfte. Eine Welt voller Liebschers.
Doch nur zum Schein geht es hier um vordergründige Gags und das Marktgeschrei eines Nachwuchskünstlers. Ein halbes Jahr harter Arbeit steckt in diesem wie leichthin inszenierten Spiel mit Schein und Wirklichkeit. Ausgangspunkt waren zunächst einzelne Tableaus, wie sie ähnlich schon in Liebschers “Familienbildern” (Martin Liebschers Gute Fotobücher 2) zu sehen waren. Die dort erzählten Szenen aus öffentlichem und privatem Leben wurden immer weiter ausgebaut, in sich gespiegelt und miteinander verwoben, neue Illusionsräume angebaut. In Monitoren, in Rahmenflächen oder einfach wie an die Wände der Scheinräume geheftet sind Bilder aus Bildern des Bildes zitiert … kurzum: Dem Betrachter eröffnen sich kurzweilige Entdeckungsreisen in diesem digitalen Kosmos.
Während in seinen früheren Arbeiten gelegentlich Passanten wie zufällig in den Hintergrund eingebaut sind, die Illusion eines Schnappschusses verstärkend (“Pech gehabt, da ist ihm einer durchs Bild gelaufen”, siehe “Goethe in Wiesbaden”, 1995), hat der Fotokünstler im “Gruppenbild” sorgfältig alle Nicht-Liebschers getilgt. Aufnahmen in der Frankfurter Innenstadt entstanden deshalb am Sonntagvormittag, wenn kaum jemand unterwegs war, und neben der unchristlichen Zeit hatte Liebscher noch mit einem technischen Problem zu kämpfen. Ohne Laptop und ausgerüstet mit einer APPLE Quicktake, deren Speicherchip nur acht Aufnahmen faßt, mußte er für jede Staßenszene mehrfach zwischen Atelierrechner und Drehort pendeln.
Übrigens hat sich Liebscher ohne Not dafür entschieden, mit gering aufgelösten Bilddaten zu arbeiten. Gerade die den gewöhnlichen Knipserbildchen nahekommende, gewollt schlechte Bildqualität seiner Photoshop-Montagen, so seine Erfahrung, löst den Eindruck des Authentischen aus. Die aus professioneller Sicht “hundsmiserable” Bildauflösung bildet alles gleich richtig und gleich schlecht ab, so daß der Übergang von Schein und Wirklichkeit perfekt wird. Man glaubt, etwas zu sehen – und weiß, es ist Täuschung.
Das heute noch vordringliche Bemühen der digitalen Fotografie, als Nachahmerin der klassischen Fotografie größtmöglichen Realismus zu erzielen, ist nach Liebschers Auffassung nur ein Übergangsphänomen, vergleichbar etwa den Anfängen der Fotografie. Ähnlich wie diese sich von der Malerei als deren Hilfsmittel emanzipierte, so werde sich auch die digitale Bildwelt bald als völlig eigenständiges Medium mit eigener Bildsprache und neuen Präsentationsformen etablieren. Wer den Künstler dabei beobachten durfte, wie dieser vor dem Monitor in Schweigen versunken durch den selbstgeschaffenen Liebscher-Space zoomt, zappt und navigiert, wird seinen seherischen Worten gerne Glauben schenken.
Bis zum März noch wird Liebschers Werk im engen Treppenhaus des Frankfurter Presseamtes am Römerberg installiert bleiben. Danach zieht das “längste Gruppenfoto der Welt” um in den Kölner Mediapark, um im soeben fertiggestellten Komed über dessen frei gehängte transparente Treppen aus Metallgittern und Glas zu mäandern und für zusätzliche Irritationen der Raumgefühls sorgen. Wer nicht schwindelfrei ist, dem sei alternativ ein Besuch auf Liebschers Homepage empfohlen. Unter http://www.slapstudio.com warten in der globalen “Begegnungsstätte” drei Werkausschnitte darauf, auf heimische Rechner geholt zu werden, die – im Quicktime-Mode betrachtet – einen kleinen Einblick in diesen feinsinnigen Fotospaß gewähren.”
http://www.m-liebscher.de/texte/digit.htm
http://www.leebsher.de/net/pages/reframe.htm
:::
0 Antwort zu “Martin Liebscher”